Ich bin nicht gegen Neues. Aber muss gerade alles neu?

Eine neue Anwendung. Eine geänderte Regelung. Eine Nachricht, deren Folgen noch niemand so richtig abschätzen kann. Im Beruf wird etwas umgestellt, zu Hause steht eine Entscheidung an.
Und irgendwo dazwischen müsste man sich eigentlich noch damit beschäftigen, was das alles für die eigene Zukunft bedeutet.
Vielleicht ist jede einzelne Sache zu bewältigen. Nur kommen sie selten einzeln.
Am 2. November habe ich am Onlinevortrag „Veränderungsstress“ mit Prof. Dr. Steffen Mau bei vhs.wissen live teilgenommen. Mau ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Direktor am Max-Planck-Institut für Politik- und Sozialwissenschaft in Göttingen. Dort leitet er die Abteilung „Ungleichheit, Transformation und Konflikt“. Zur Person
Ein Gedanke aus dem Vortrag beschäftigt mich besonders: Wenn sich auf vielen Feldern gleichzeitig etwas verändert, müssen wir all das erst einmal begreifen können. Während unser Leben weiterläuft.
Die Welt wartet nicht, bis die Wäsche fertig ist
Eine Nachricht zu lesen dauert vielleicht eine Minute. Herauszufinden, was sie für das eigene Leben bedeutet, kann erheblich länger dauern.
Ist das schon beschlossen oder wird darüber noch diskutiert? Betrifft es mich überhaupt? Muss ich etwas unternehmen? Und wo finde ich eine verlässliche Auskunft?
Zwischen einer Schlagzeile und einer vernünftigen Entscheidung liegen manchmal mehrere Abende. Dieselben Abende, an denen Essen gemacht, eine Reparatur organisiert oder jemand versorgt werden muss. An denen Rechnungen warten, Kinder etwas erzählen möchten oder die eigene Kraft aufgebraucht ist.
Dann sitzt man vielleicht auf dem Sofa und scrollt weiter. Eigentlich müde, eigentlich auf der Suche nach etwas Leichtem. Stattdessen begegnet einem das nächste Thema, das man noch nicht verstanden hat.
Wie soll man da noch Schritt halten?
Dabei kann das Neue durchaus willkommen sein: eine hilfreiche Technik, eine berufliche Chance, eine längst ersehnte Veränderung. Und trotzdem kommt erst einmal ein Seufzer. Weil gerade schon so viel anderes Aufmerksamkeit braucht.
Neugier und verfügbare Kraft sind zweierlei. Man darf Neues sinnvoll finden und zugleich fragen, wie viel davon gleichzeitig ins eigene Leben passt.
Für später war doch schon etwas geplant
Vielleicht legst du jeden Monat etwas zurück. Für einen Urlaub, eine notwendige Anschaffung oder das Leben im Alter. Vielleicht möchtest du beruflich etwas verändern. Oder wissen, dass du für deine Familie da sein kannst, wenn sie dich braucht.
Dafür arbeitest, planst und kümmerst du dich.
Ändern sich wichtige Bedingungen, tauchen neue Fragen auf: Trägt mein Plan noch? Muss ich neu rechnen, anders entscheiden, früher handeln?
Manches entwickelt sich tatsächlich schnell. Anderes wurde lange vorbereitet, erreicht uns aber erst spät oder bleibt schwer verständlich. Dann fehlt womöglich die Zeit, sich darauf einzustellen.
Nachvollziehbare Informationen, erreichbare Ansprechpersonen und Zeit zur Vorbereitung würden helfen. Ebenso die Möglichkeit, mitzugestalten.
Wie wichtig solche Voraussetzungen sind, zeigt ein Blick auf unterschiedliche Lebenslagen. Eine zusätzliche Ausgabe kann für die eine Person ärgerlich sein. Für eine andere bedeutet sie, an etwas Notwendigem sparen zu müssen. Ein digitaler Ablauf kann Wege ersparen – oder zur Hürde werden, wenn Gerät, Übung oder Unterstützung fehlen.
Deshalb greift die Aufforderung, einfach flexibler zu werden, für mich zu kurz. Manche Schwierigkeiten lassen sich durch Lernen bewältigen. Andere brauchen Geld, praktische Hilfe oder bessere Zugänge.
Mich beschäftigt dabei auch, wie viel Raum für eigene Ziele bleibt, wenn immer wieder etwas neu bedacht oder organisiert werden muss. Ein Wunsch kann in den Hintergrund rutschen, obwohl er weiterhin wichtig ist. Eine Möglichkeit bleibt vielleicht ungenutzt, weil gerade die Zeit fehlt, sich damit zu beschäftigen.
Genau darin liegt für mich ein Teil des Veränderungsstresses: Die Aufmerksamkeit fließt in das, was von außen kommt. Für das, was man selbst vom Leben möchte, bleibt der Rest.
Es muss auch noch Leben übrig bleiben
Ein freier Nachmittag. Ein Gespräch, bei dem das Handy liegen bleibt. Vorfreude auf etwas, das man gemeinsam plant.
Solche Dinge gehören zu dem Leben, für das wir uns täglich anstrengen.
Bodenständig, bewusst und mit etwas Ruhe leben zu wollen, erscheint mir keineswegs aus der Zeit gefallen. Dazu gehören Neugier und Entwicklung ebenso wie Verlässlichkeit.
Mein Mann und ich möchten unser Leben bodenständig, bewusst und mit Raum füreinander gestalten. Wir möchten Neues entdecken, eigene Ziele verfolgen und uns auf unsere Zukunft freuen können.
Dafür entscheiden wir uns – auch wenn es sich angesichts all der Veränderungen manchmal schwierig anfühlt. Nicht jede Entwicklung liegt in unserer Hand. Umso wichtiger ist uns, die Möglichkeiten, die wir haben, für ein Leben zu nutzen, das zu uns passt.
Daran möchte ich Veränderungen auch messen: Was ermöglichen sie Menschen? Was verlangen sie ihnen ab? Und bekommen diejenigen, die damit leben sollen, ausreichend Gelegenheit, sich darauf einzustellen?
Ich bin nicht gegen Neues.
Aber ich wünsche mir, dass zwischen all dem Neuen genug Raum bleibt, ein gutes Leben zu führen.
Zum Weiterlesen
Diese Literaturhinweise knüpfen an den Vortrag und die Fragen dieses Beitrags an. Sie sind keine persönlichen Rezensionen; die Einordnung beruht auf den Beschreibungen des Verlags.
Im Vortrag genannt: Emanuel Deutschmann – „Die Exponentialgesellschaft. Vom Ende des Wachstums zur Stabilisierung der Welt“
Deutschmann untersucht exponentielle Entwicklungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und fragt, wie Stabilisierung möglich wird. Ein Anschluss für alle, die Wachstum, beschleunigte Entwicklungen und ihre Zusammenhänge genauer verstehen möchten. Buchinformationen und Leseprobe beim Suhrkamp Verlag
Ergänzend: Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser – „Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft“
Die Autoren untersuchen, wo bei gesellschaftlichen Fragen Übereinstimmung besteht und an welchen Punkten sich Konflikte verschärfen. Eine weiterführende Lektüre, wenn dich besonders interessiert, weshalb Debatten so aufgeladen sein können. Buchinformationen und Leseprobe beim Suhrkamp Verlag